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Stiftung Warentest und BIK testen die Zugänglichkeit von CD-ROM-Lernsoftware

Ob es sich um den Erwerb einer Fremdsprache oder um einen EDV-Kurs handelt: CD-ROM-Lernsoftware bietet enorme Vorteile: Sie ist weitaus günstiger als der Besuch eines Seminars und die Lerneinheiten können flexibel eingeteilt werden. Kein Wunder also, dass der Markt für Lernsoftware auf CD-ROM-Anwendungen geradezu "boomt".

Doch was leisten diese Produkte wirklich? Die Stiftung Warentest nahm sich dem Thema an. In zwei Testreihen überprüfte sie zwei verschiedene CD-ROM-Lernsoftware-Produktgruppen:

  1. Lernsoftware für Microsoft-Office-Produkte wie Word oder Outlook
  2. Lernsoftware für Wirtschaftsenglisch

Geprüft wurde neben der allgemeinen Softwareergonomie oder dem didaktischen Aufbau der Lerneinheiten auch die Zugänglichkeit für behinderte Anwender.

Warum die Zugänglichkeit von CD-ROM-Lernsoftware testen?

Was für den "normalen" Arbeitnehmer oder Arbeitssuchenden zutrifft, gilt für Menschen mit Behinderungen umso mehr. Die berufliche Integration ist für sie ein Thema von zentraler Bedeutung. Jede Form von Integrationsmöglichkeit - wie etwa Weiterbildung - sollte daher ausgeschöpft werden.
Darüber hinaus benötigen Menschen mit körperlichen Behinderungen häufig besondere Hilfsmittel am Arbeitsplatz. Auch aus diesem Grund ist es für sie vorteilhaft, am bereits eingerichteten Arbeitsplatz zu Hause zu lernen.

Die Prüfung

Die Prüfung der Zugänglichkeit der zwei Lernsoftware-Produktgruppen wurde von der Stiftung Warentest in enger Kooperation mit BIK durchgeführt.

Der Test bestand aus zwei gleichgewichtigen Teilen: Zum einen haben wir auf Basis geltender Richtlinien eine Checklisten-Prüfung durchgeführt.
Die Checkliste bestand aus:

  • Richtlinien der BITV des BGG,
  • Checkpunkten der Anforderungsliste an zugängliche grafische Benutzeroberflächen des Fachausschuss für Informations- und Telekommunikationssysteme (FIT) beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV)
  • sowie der TESTING GUIDE FOR SOFTWARE ACCESSIBILITY der Firma IBM.

Im zweiten Schritt haben wir die CD-ROM-Anwendungen in einem praktischen Test auf ihre Gebrauchstauglichkeit hin getestet. Hierzu führte eine blinde Testperson folgende Prüfschritte durch:

  1. CD einlegen und das Produkt identifizieren,
  2. das Produkt installieren,
  3. Programmaufbau verstehen und überblicken,
  4. Eine Lerneinheit durchführen

Das wichtigste Ergebnis: CD-ROM-Lernsoftware ist für behinderte Menschen kaum nutzbar

Unsere Tests zeigen, dass viele Anwender mit bestimmten körperlichen Einschränkungen wohl oder übel auf andere Strategien zurückgreifen müssen, sowohl wenn sie die Bedienung von Office-Programmen oder Wirtschaftsenglisch erlernen wollen.
In beiden Tests stellte sich heraus, dass die getesteten Lern-Software-Produkte für blinde und sehbehinderte Menschen überwiegend nicht bedienbar sind.

Lernsoftware Nr. 1: Office-Kurse auf CD-ROM

Unser Ergebnis: Überwiegend nicht testbar

Bei 9 von 14 Office-Kursen auf CD-ROM findet der Lernprozess in Form eines Video-Workshops statt. Menschen mit Sehbehinderungen sowie Vollblinde können diese Lernkonzepte nicht nutzen, es sei denn es gäbe Audiodeskritionen zu den Videos. Das war nicht der Fall. Hörbehinderte können diese Art von Lernsoftware auch nur dann gebrauchen, wenn entsprechende Untertitel für sie bereit stehen. Produkte, die ausschließlich aus Video-Einheiten bestehen, mussten wir daher als "nicht testbar" einstufen.
Als überhaupt testbar, erwiesen sich somit nur noch zwei Produkte: Die der Anbieter Sybex und klickhelp. Unseren Test konnten sie jedoch nicht bestehen. Die Sybex-Produkte schnitten sogar mangelhaft ab, da überwiegend vorausgesetzt wird, dass der Anwender keine Probleme damit hat, eine Maus zu bedienen. Auch diese Herangehensweise schließt Blinde, Sehbehinderte und übrigens auch Menschen mit motorischen Körpereinschränkungen aus, weil sie ihren Computer nur mit der Tastatur bedienen können.
Die klickhelp-Produkte basieren auf einer anderen Technologie als übliche CD-ROM-Produkte, nämlich HTML. Das heißt, sie sind genauso gebaut wie Webseiten. Generell ist das gegenüber CD-ROM-Software für Blinde häufig vorteilhaft, weil zumindest der Aufruf des Softwareinhalts in einem gängigen Internet-Browser (z.B. Internet Explorer, Netscape) kein Problem darstellt. Aber auch hier müssten für eine Benutzbarkeit Grafiken betitelt oder Text vergrößerbar sein. Und genau da ist auch bei den klickhelp-Produkten der Haken, so dass im Endeffekt kein einziges der im Test vertretenen Angebote als zugänglich bezeichnet werden konnte.

Lernsoftware Nr. 2: Wirtschaftsenglisch-CD-ROMS

Unser Ergebnis: Lediglich die Installation ist ausführbar

Auch bei den getesteten Fremdsprachen-CD-ROMs wurden die Bedürfnisse behinderter Anwender nicht berücksichtigt. Für blinde und sehbehinderte Nutzer sowie Menschen, die ohne Maus arbeiten, ist kein einziges Produkt bedienbar. Für Farbfehlsichtige und für Gehörlose ist die Nutzung nur sehr eingeschränkt möglich. Dabei handelt es sich immer wieder um die gleichen Barrieren. Die Hauptprobleme liegen bei der fehlenden Möglichkeit einer geräteunabhängigen Bedienung (Tastatursteuerung), nicht verwertbaren Objekt-Informationen (z.B. äquivalente Texte für Grafiken) sowie einem generellen Mangel an Anpassungsmöglichkeiten des Erscheinungsbildes der Software an individuelle Anforderungen (Farben, Kontraste, Schriften).
Im Gebrauchstauglichkeits-Test kam die blinde Testperson bei keinem einzigen Produkt über die Installation hinaus. Es war ihr nicht möglich, Programminhalt und -aufbau zu erfassen, was schon an dieser Stelle zum Abbruch der Prüfung führte.

Unser Test-Fazit: Erschreckendes Ergebnis - aber wohl kein Einzelfall

Das bundesweite Behindertengleichstellungsgesetz ist gerade mal knapp zwei Jahre alt und zu einer Umsetzung gehört neben der Schaffung von Öffentlichkeit für das Thema auch eine umfassende Bereitstellung von Information und Beratung.

Dennoch ist unser Ergebnis erschreckend. Offenbar steckt das Thema Barrierefreiheit für CD-ROMs im Vergleich zu Internetseiten noch sehr viel stärker in den Kinderschuhen. Doch gilt die BITV auch für CD-ROMs. Das scheint vielen Verantwortlichen aber noch nicht bekannt zu sein.

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Letzte Änderung: 30.11.2003   |   © 2004-2007 DIAS GmbH   |   Impressum   |   Barrierefrei