Ob es sich um den Erwerb einer Fremdsprache oder um einen EDV-Kurs handelt: CD-ROM-Lernsoftware bietet enorme Vorteile: Sie ist weitaus günstiger als der Besuch eines Seminars und die Lerneinheiten können flexibel eingeteilt werden. Kein Wunder also, dass der Markt für Lernsoftware auf CD-ROM-Anwendungen geradezu "boomt".
Doch was leisten diese Produkte wirklich? Die Stiftung Warentest nahm sich dem Thema an. In zwei Testreihen überprüfte sie zwei verschiedene CD-ROM-Lernsoftware-Produktgruppen:
Geprüft wurde neben der allgemeinen Softwareergonomie oder dem didaktischen Aufbau der Lerneinheiten auch die Zugänglichkeit für behinderte Anwender.
Was für den "normalen" Arbeitnehmer oder Arbeitssuchenden zutrifft,
gilt für Menschen mit Behinderungen umso mehr. Die berufliche
Integration ist für sie ein Thema von zentraler Bedeutung. Jede Form
von Integrationsmöglichkeit - wie etwa Weiterbildung - sollte daher
ausgeschöpft werden.
Darüber hinaus benötigen Menschen
mit körperlichen Behinderungen häufig besondere
Hilfsmittel am Arbeitsplatz. Auch aus diesem Grund ist es für sie
vorteilhaft, am bereits eingerichteten Arbeitsplatz zu Hause zu lernen.
Die Prüfung der Zugänglichkeit der zwei Lernsoftware-Produktgruppen wurde von der Stiftung Warentest in enger Kooperation mit BIK durchgeführt.
Der Test bestand aus zwei gleichgewichtigen Teilen: Zum einen haben
wir auf Basis geltender Richtlinien eine Checklisten-Prüfung
durchgeführt.
Die Checkliste bestand aus:
Im zweiten Schritt haben wir die CD-ROM-Anwendungen in einem praktischen Test auf ihre Gebrauchstauglichkeit hin getestet. Hierzu führte eine blinde Testperson folgende Prüfschritte durch:
Unsere Tests zeigen, dass viele Anwender mit bestimmten körperlichen
Einschränkungen wohl oder übel auf andere Strategien zurückgreifen
müssen, sowohl wenn sie die Bedienung von Office-Programmen oder
Wirtschaftsenglisch erlernen wollen.
In beiden Tests stellte sich
heraus, dass die getesteten Lern-Software-Produkte für blinde und
sehbehinderte Menschen überwiegend nicht bedienbar sind.
Bei 9 von 14 Office-Kursen auf CD-ROM findet der Lernprozess in Form
eines Video-Workshops statt. Menschen mit Sehbehinderungen sowie
Vollblinde können diese Lernkonzepte nicht nutzen, es sei denn es gäbe
Audiodeskritionen zu den Videos. Das war nicht der
Fall. Hörbehinderte können diese Art von Lernsoftware auch nur
dann gebrauchen, wenn entsprechende Untertitel für sie bereit stehen.
Produkte, die ausschließlich aus Video-Einheiten bestehen, mussten wir
daher als "nicht testbar" einstufen.
Als überhaupt testbar,
erwiesen sich somit nur noch zwei Produkte: Die der Anbieter Sybex und
klickhelp. Unseren Test konnten sie jedoch nicht bestehen. Die
Sybex-Produkte schnitten sogar mangelhaft ab, da überwiegend
vorausgesetzt wird, dass der Anwender keine Probleme damit hat, eine
Maus zu bedienen. Auch diese Herangehensweise schließt Blinde,
Sehbehinderte und übrigens auch Menschen mit motorischen
Körpereinschränkungen aus, weil sie ihren Computer nur mit der Tastatur
bedienen können.
Die klickhelp-Produkte basieren auf einer anderen
Technologie als übliche CD-ROM-Produkte, nämlich HTML. Das heißt, sie
sind genauso gebaut wie Webseiten. Generell ist das gegenüber
CD-ROM-Software für Blinde häufig vorteilhaft, weil zumindest der
Aufruf des Softwareinhalts in einem gängigen Internet-Browser (z.B.
Internet Explorer, Netscape) kein Problem darstellt. Aber auch hier
müssten für eine Benutzbarkeit Grafiken betitelt oder Text vergrößerbar
sein. Und genau da ist auch bei den klickhelp-Produkten der Haken, so
dass im Endeffekt kein einziges der im Test vertretenen Angebote als
zugänglich bezeichnet werden konnte.
Auch bei den getesteten Fremdsprachen-CD-ROMs wurden die Bedürfnisse
behinderter Anwender nicht berücksichtigt. Für blinde und sehbehinderte
Nutzer sowie Menschen, die ohne Maus arbeiten, ist kein einziges
Produkt bedienbar. Für Farbfehlsichtige und für Gehörlose ist die
Nutzung nur sehr eingeschränkt möglich. Dabei handelt es sich immer
wieder um die gleichen Barrieren. Die Hauptprobleme liegen bei der
fehlenden Möglichkeit einer geräteunabhängigen Bedienung
(Tastatursteuerung), nicht verwertbaren Objekt-Informationen (z.B.
äquivalente Texte für Grafiken) sowie einem generellen Mangel an
Anpassungsmöglichkeiten des Erscheinungsbildes der Software an
individuelle Anforderungen (Farben, Kontraste, Schriften).
Im
Gebrauchstauglichkeits-Test kam die blinde Testperson bei keinem
einzigen Produkt über die Installation hinaus. Es war ihr nicht
möglich, Programminhalt und -aufbau zu erfassen, was schon an dieser
Stelle zum Abbruch der Prüfung führte.
Das bundesweite Behindertengleichstellungsgesetz ist gerade mal knapp zwei Jahre alt und zu einer Umsetzung gehört neben der Schaffung von Öffentlichkeit für das Thema auch eine umfassende Bereitstellung von Information und Beratung.
Dennoch ist unser Ergebnis erschreckend. Offenbar steckt das Thema Barrierefreiheit für CD-ROMs im Vergleich zu Internetseiten noch sehr viel stärker in den Kinderschuhen. Doch gilt die BITV auch für CD-ROMs. Das scheint vielen Verantwortlichen aber noch nicht bekannt zu sein.
Letzte Änderung: 30.11.2003 | © 2004-2007 DIAS GmbH | Impressum | Barrierefrei