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Ergebnisse der Praxistests

Ziel der Praxistests war, die Ergebnisse der vorangegangenen Stufen zu überprüfen. Sind die von den Experten als gut zugänglich bewerteten Einreichungen auch tatsächlich gut zu gebrauchen?

Die Zugänglichkeit für Blinde hatten die Experten recht positiv bewertet, da war wenig zu beanstanden. Und das hat der Praxistest auch bestätigt. Die beiden blinden Prüfer haben den verbreiteten Screenreader Jaws 5.0 eingesetzt. Sie sind mit den meisten Webauftritten gut klargekommen. Was ein Styleguide ist, war einem der beiden nicht bekannt. Aber die einfache Sprache sollte ja in 2004 noch nicht zählen. Webauftritte, die viel Funktionalität auf einer Seite vereinigen wurden eher schlechter bewertet, der Einsatz verschachtelter Listen für Menüs wurde negativ kommentiert. Die vorgegebenen Aufgaben wurden jedoch ohne große Schwierigkeiten erfüllt. Nur beim Sprechnetz gab es Probleme.

Sehbehinderte Besucher stellen ganz andere Anforderungen. Im Unterschied zu blinden Besuchern nutzen sie in der Regel die grafisch aufbereitete Programmoberfläche. Unsere beiden Prüfer haben ein Großbildsystem (Zoomtext 7.1) eingesetzt. Nur ein kleiner Ausschnitt des Bildschirms wird wahrgenommen. Wichtig ist daher eine klare visuelle Gliederung, über die man sich ausgehend von der linken oberen Ecke der Seite alle Elemente erschließen kann. Auch wichtig sind gute Kontraste, insbesondere eine deutliche Darstellung des Mausfocus.

Der Praxistest hat hier interessante Ergebnisse gebracht. Teilweise hat er Mängel bestätigt, die schon von den Experten bemerkt worden waren. Gerade bei den Anforderungen des erweiterten Tests hat er aber auch Korrekturbedarf aufgezeigt.

Sprechnetz

In einem Fall hat der Praxistest ganz klar Schranken der vorangegangenen Tests aufgezeigt. Das im Expertentest relativ gut bewertete Sprechnetz war für die blinden Praxistester mit der vorgesehenen Ausstattung (Screenreader Jaws 5.0) nicht zugänglich. Eine ungünstige und vermutlich auch nicht beabsichtigte Vorgabe des Stylesheets führt dazu, dass Teile des Menüs vom Screenreader nicht vorgelesen werden.

Die im Kurztest eingesetzten Prüfinstrumente hatten keine Hinweise auf Fehler der Seiten geliefert. Auch der Webformator 2.1 zeigt zum Beispiel das ganze Menü an. Was hätten andere Jaws-Versionen mit den Seiten gemacht? Dem sind wir nicht nachgegangen. Ohnehin muss klar sein, dass Tests nicht alle Mängel aufdecken können. Besucher der Seite sollten daher eine Adresse haben, an die sie sich wenden können, wenn etwas nicht funktioniert.

Aber auch abgesehen von den Problemen mit Jaws hat das Sprechnetz im Praxistest eher schlecht abgeschnitten. Sehr schwierig, herauszufinden, worum es geht, die Menüführung wird nicht verstanden, der Sinn der Menübereiche "Position" und "Navigation" ist nicht klar, seltsamer Name "Sprechnetz Index", keine Navigation auf den Seiten. Kontraste sind nicht gut, Links werden schwächer, wenn man sie ansteuert. Die Tester haben sich nicht zurechtgefunden, die Einschätzung der Experten wurde so weit bestätigt. Ungewöhnliche Bezeichnungen und eine nicht übliche Navigation machen die Nutzung schwer.

Mehrkanal

Mehrkanal verwendet die Technik des Fahrner Image Replacement (FIR). Diese Technik ist nicht zuverlässig. Sie funktioniert nicht, wenn der Besucher andere Hintergrundfarben gewählt hat und auch manche Screenreader können mit der Fahrner-Technik gestaltet Seiten nicht vorlesen.

In unserem Praxistest kamen andere Screenreader zum Einsatz, alles wurde gut vorgelesen. Die blinden Praxistester hatten keine Probleme mit der Seite. Übersichtlich strukturiert, Links sind in Ordnung, gute Überschriften, die Navigation kann man überspringen. Etwas schwierig war es, herauszufinden, worum es geht. Was vielleicht an der speziellen Sprache liegt.

Unsere sehbehinderten Praxistester haben die Farben unverändert gelassen. Sie konnten daher die Seiten von Mehrkanal nutzen. Allerdings nicht besonders gut, wegen den "normalen" Nachteilen der Verwendung grafischer Schriften: Der Titel ist schlecht zu lesen, insbesondere der Untertitel: Agentur für optimierte Kommunikation ist in sehr kleiner Schrift, kontrastarme Farbe, unscharf dargestellt. Das Menü: Schwer lesbar, kontrastarm, insbesondere der 2.Teil des Menüs, der in einer kleineren und noch helleren Schriftfarbe dargestellt ist.

Einfach für Alle

Einfach für Alle verwendet eine verbesserte Variante der Fahrner-Technik für die Kopfzeile. Nicht für die ganze Navigation, wie bei Mehrkanal. Aber doch für einen wichtigen Bereich, nämlich für die Hauptüberschrift aller Seiten. Sie funktioniert für blinde Besucher, kann aber Besuchern, die mit anderen Farben arbeiten Probleme bereiten.

Wie bei Mehrkanal haben die sehbehinderten Prüfer die Farben nicht verändert. Das Hintergrundbild mit der Überschrift war also sichtbar. Trotzdem ist nicht gleich klar gewesen, worum es auf den Seiten geht. Die zweite Zeile der Überschrift wird übersehen, ist sehr klein dargestellt, kontrastarm.

Die Seiten bieten unterschiedliche Darstellungsvarianten an. Der Umschalter ist rechts untern, wird nicht gefunden, ohne Javascript funktioniert er nicht, die Namen sind nicht gleich klar.

88 Links auf der Startseite, 11 zum Teil verschachtelte Listen, sehr viele Überschriften. Einer der blinden Prüfer fand das zu viel. Aber bei den Aufgaben gab es keine Probleme.

Welthungerhilfe

Die von Angie Radtke - Der Auftritt eingereichten Seiten der Stiftung Deutsche Welthungerhilfe haben die Experten gut bewertet. Nur wenige Mängel im Kurztest, im erweiterten Test lagen sie ganz vorne.

Die blinden Praxistester sind mit dem Webauftritt gut zurecht gekommen. Das Ziel ist schnell klar, Überschriften sind gut strukturiert, Links sind eindeutig. An einigen Stellen URLs als Links, das wird negativ angemerkt.

Die Sehbehinderten sind nicht so gut klargekommen. Relativ schlechte Kontraste wurden immer wieder angesprochen. Besonders die Optionen des auf grauem Hintergrund angeordneten Seitenmenüs sind schlecht zu lesen. Angesteuerte Menüpunkte werden nicht hervorgehoben, sie wechseln in Farben mit noch schlechteren Kontrastwerten.

Warum hat sich das nicht auch in den entsprechenden Prüfschritten des erweiterten Tests niedergeschlagen? Da geht es ja um genau diese Punkte, also um die Kontraste von Text und die deutliche Hervorhebung aktivierbarer Elemente. Möglicherweise ist die für die Prüfung von Kontrasten vorgeschlagene Formel der WAI (Web Accessibility Initiative) nicht wirklich aussagekräftig. Angesteuerte Menupunkte sind grün auf grau dargestellt, die Farbkombination liegt knapp über dem vorgeschlagenen Mindestwert für den Helligkeitskontrast. Dass die Schrift dünn ist, spielt vielleicht eine Rolle. Die praktische Erfahrung der Prüfer stützt jedenfalls die vorgeschlagene Formel in diesem Fall nicht. Und auch über die richtige Gewichtung der verschiedenen Anforderungen des erweiterten Tests muss noch nachgedacht werden.

BMBF

Das von informedia eingereichte Webangebot des BMBF nutzt den Hintergrund, um die Seiten mit Bildern zu versehen. Es lag nach dem Kurztest im Mittelfeld, hat dann im erweiterten Test etwas verloren.

Die sehbehinderten Prüfer haben das Angebot des BMBF insgesamt gut bewertet. Übersichtliche, klare Seite, gute Kontraste im Menu, angenehme Gestaltung des Menus. Man sieht das Hauptmenu und das verzweigte Untermenu gleichzeitig. Das wurde positiv angemerkt. Der Link "nach oben" ist sehr blass und etwas klein.

Dass auf der Startseite ein Bild verloren gegangen ist, konnten die blinden Tester nicht wissen. Sehr viele Links auf der Startseite, die Orientierung ist nicht ganz einfach. Die Auszeichnung der Überschriften ist seltsam, Ebene 6 wird anscheinend für Quellenangaben verwendet. Die Navigation kann man überspringen, eine Sprungmarke gibt es. Aber das Menu ist geteilt, oben das nicht überspringbare Hauptmenu, dann die Texte und erst ganz am Ende das Seitenmenü (Bildung, Forschung, Innovation... ). Das war irritierend.

Nationalpark Hainich

Der vom Atelier für Gestaltung Papenfuss eingereichte Nationalpark Hainich hatte ebenfalls nach dem Expertentest ein gutes Ergebnis. Ein angenehmes und einladendes Angebot, auch bei den Inhalten hat man an Zugänglichkeit für alle gedacht.

Und im Praxistest gab es keine Probleme. Zwischen den Überschriften kann man gut springen, Linktexte werden mal gut, mal schlecht bewertet.

Auch die sehbehinderten Prüfer waren zufrieden. Gut gegliedert, schnell zu erfassen, einfache Sprache, Kontraste nicht optimal, aber in Ordnung. Die Auswahloption mit großer Schrift ist noch besser zu lesen, kontrastreicher. Allerdings ist der Link in der rechten Spalte, ganz am Ende schwer zu finden.

Netbank

Die Netbank ist ein vergleichsweise umfangreiches und aufwendiges Webangebot. Der Besucher kann sich informieren, er kann aber auch übliche Bankdienstleistungen über das Internet abwickeln. Im BITV-Test ist die Netbank trotzdem unter die besten 8 gekommen. Gravierende Mängel hat sie nicht.

Im Praxistest ist die Netbank mit am besten bewertet worden. Man kommt gut zurecht, Linktexte sind eindeutig. Positiv aufgenommen wurden die Schrift, die farbig hinterlegten Menüoptionen, der Hintergrund der Formulare. Die Auswahlliste mit Darstellungsoptionen ist links angeordnet und einfach zu finden. Die alternative Großdarstellung wurde unterschiedlich bewertet, einmal sehr gut und einmal eher unbrauchbar.

Styleguide

Den von Aperto eingereichten Styleguide der Bundeswehr haben die Experten am besten bewertet. Die meisten Punkte im Kurztest wie auch im erweiterten Test.

Im Praxistest ist der deutliche und kontrastreiche Mausfocus gut angekommen, auch die einfache und klare visuelle Gliederung der Seiten wurde positiv vermerkt. Bei den blinden Praxistestern hat die Bundeswehr nicht ganz so gut abgeschnitten. Der Zweck des Webauftritts ist nicht leicht zu verstehen, das mag ein Grund sein. Verschachtelte Listen für Menüs werden von aktuellen Screenreadern wohl noch nicht so gut unterstützt. Und die Wortwahl ist vielleicht nicht optimal. Oder wollten die Prüfer gar nicht nach Kundus? Eine Korrektur der vorangegangenen Ergebnisse schien uns letztlich nicht gerechtfertigt.

Der Sonderpreis Barrierefreiheit

Der von Aperto eingereichte Styleguide der Bundeswehr war nach dem Kurztest der Sieger und er lag auch nach dem erweiterten Test vorn. Er hat ein modernes, standardorientiertes Design, Inhalt und Layout sind durchgängig voneinander getrennt, die Gestaltung lässt sich daher leicht ändern und an individuelle Bedürfnisse anpassen. Die Inhalte sind logisch und visuell gut strukturiert, blinde und sehbehinderte Besucher finden sich gut zurecht. Die Bedienung ist einfach, egal ob mit Maus oder Tastatur.

Der Styleguide zeigt, wie ein anspruchsvolles Webangebot barrierefrei umgesetzt werden kann. Er hat also den Sonderpreis Barrierefreiheit des DMMA 2004 gewonnen.

Der zweite Sonderpreis Barrierefreiheit

Ein zweiter Sonderpreis kam ins Gespräch. Es wäre gut, wenn auch ein Webangebot ausgezeichnet würde, das nicht dem Zwang der Rechtsverordnung zur barrierefreien Informationstechnik (BITV) unterliegt.

Auch die Netbank zeigt standardorientiertes Design. Alles ist gut strukturiert, Darstellung und Bedienung sind flexibel. So kann jeder dieses Webangebot nutzen, und zwar auch den eigentlichen Kern, das Online-Banking. Spezielle Software wird nicht gebraucht, es geht auch ohne Javascript. Selbst mit dem PDA oder dem Mobiltelefon kommt man an sein Geld.

Insgesamt eine sehr beeindruckende Leistung. Also haben wir die Netbank für den zweiten Sonderpreis Barrierefreiheit vorgeschlagen.

Letzte Änderung: 16.11.2004   |   © 2004-2007 DIAS GmbH   |   Impressum   |   Barrierefrei