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Sieger und Verlierer

1. Gesamtergebnis

Was ist insgesamt herausgekommen beim Zeitungentest? Kann man im Großen und Ganzen zufrieden sein? Sind alle gleich gut oder schlecht zugänglich?

Die folgende Tabelle zeigt die Punktwerte der geprüften Webauftritte.

Testergebnisse
Medium Punktwert
stern.de 84.5
FR ONLINE 79,5
NZZ Online (Schweiz) 79
FTD Online 75.5
Sueddeutsche.de 74.5
taz.de 73.5
DIE WELT.DE 72.5
Focus Online 70
SPIEGEL ONLINE 68.5
Handelsblatt.com 68
derStandard.at (Östereich) 64.5
Bild.de 60
FAZ.NET 59.5
RP ONLINE 56

Quelle: http://www.bitvtest.de/main.php?a=p&prid=1&p_sort=se

100 Punkte konnte man maximal erreichen. Also noch viel Luft nach oben, auch für die Webauftritte, die am besten abgeschnitten haben.

Basis des eingesetzten Testverfahrens ist die BITV, eine für Webauftritte des Bundes verbindliche Verordnung zur Barrierefreiheit. Aus Sicht dieser Verordnung ist alles unter 85 Punkten nicht befriedigend. Der Stern ist nah an dieser Grenze, alle anderen liegen deutlich darunter.

Aber die Anforderungen der BITV sind teilweise schon recht hoch und sie gelten ja vorerst auch nur für Webauftritte des Bundes. Und man muss sagen: die Unterschiede sind groß. Auch die relativ gut bewerteten Webauftritte sind noch keine Vorbilder in Sachen Barrierefreiheit. Aber sie sind sehr viel besser zugänglich als die Kandidaten im unteren Bereich des Testfeldes.

2. Die Testsieger

Wie schon gesagt: aus Sicht der BITV ist keiner der geprüften Webauftritte wirklich befriedigend. Aber drei Webauftritte setzen sich deutlich vom Feld ab, sie können verdientermaßen als Testsieger angesehen werden.

Erster Platz: Stern

Klarer Sieger ist der Webauftritt des Stern. Mit 84,5 Punkten hat er nur knapp ein befriedigendes Gesamtergebnis verfehlt, der Abstand zum Zweitplatzierten ist deutlich. Dem Webauftritt des Stern liegt ein modernes, standardorientiertes Design zugrunde. Inhalt und Layout sind durchgängig voneinander geschieden, die Gestaltung lässt sich leicht ändern und an individuelle Bedürfnisse anpassen. Das kommt auch Besuchern mit besonderen Anforderungen zugute.

Einige Anforderungen, die in Richtung Standardkonformität gehen, erfüllt ausschließlich der Webauftritt des Stern:

  • Nur der Stern setzt durchgängig auf Stylesheets für Gestaltung und Positionierung von Elementen.
  • Nur beim Stern sind Überschriften und Listen konsequent mit den vorgesehenen HTML-Strukturelementen ausgezeichnet.
  • Nur beim Stern sind Formularbeschriftungen mit den Eingabefeldern verbunden.
  • Nur beim Stern sind Sprachwechsel (zumindest in nichtredaktionellen Bereichen) durchgängig ausgezeichnet.
  • Auf den Einsatz von Schriftgrafiken wird verzichtet.
  • Veraltete Elemente werden nicht verwendet.

Wie alle geprüften Webauftritte ist auch der Webauftritt des Stern nicht valide. Aber die betreffenden Mängel sind hier vergleichsweise geringfügig.

Weil Form und Inhalt nicht vermischt sind, müssen manche Anforderungen auch gar nicht erst angewendet werden, sie erledigen sich quasi von selbst:

  • Alternativtexte für grafische Bedienelemente werden nicht benötigt, denn der Stern verzichtet auf den Einsatz solcher Elemente.
  • Leere Alt-Attribute für Layoutgrafiken werden nicht gebraucht, denn das Layout ist (wie schon gesagt) weitgehend über getrennte Stylesheets definiert.

So weit die positiven Ergebnisse. Aber es gibt auch gravierende Mängel. Schlecht ist, dass Bilder nicht durchgängig mit brauchbaren Alternativtexten versehen sind. Und wie bei fast allen anderen geprüften Zeitungen auch:

  • Die Schriftgröße kann im Microsoft Internet Explorer nicht verändert werden.
  • Überschriften der geprüften Datentabelle sind nicht ausgezeichnet.
  • Der Besucher wird durch blinkende Werbebotschaften abgelenkt.

Wichtige Anforderungen, die beim Stern wie bei den meisten geprüften Zeitungen und Magazinen nicht erfüllt sind. Warum sie so wichtig sind, erklären wir in einem eigenen Abschnitt. Was also den Stern betrifft: Verbessern kann man also schon noch einiges. Aber eine gute Grundlage ist gelegt.

Zweiter Platz: Frankfurter Rundschau

Mit 79,5 Punkten folgt der Webauftritt der Frankfurter Rundschau auf dem zweiten Platz. Blinde Besucher können FR Online gut nutzen. Grafische Bedienelemente und andere informative Grafiken sind mit Alternativtexten versehen, das Tabellenlayout ist kein Hindernis, die Seiten können auch gut mit der Tastatur bedient werden. Einige wichtige Anforderungen sehbehinderter Besucher werden ebenfalls gut erfüllt. Kontraste sind in Ordnung, Grafiken können vor wechselnden Hintergründen wahrgenommen werden. Auch auf den Einsatz von für Sehbehinderte problematischen Schriftgrafiken wird verzichtet.

Im Ergebnis nach Punkten schneidet FR Online dennoch deutlich schlechter ab als der Stern. Das liegt ganz wesentlich daran, dass die dem Test zugrunde liegende BITV auch sagt, wie Zugänglichkeit für alle hergestellt werden soll: die Einhaltung von Standards hat ein hohes Gewicht, Layout und Inhalt sollen konsequent getrennt werden. Und bei diesen Prüfschritten schneidet FR Online (wie alle Kandidaten außer dem Stern) leider nicht so gut ab.

Und es gibt noch weitere Mängel. Bei den Alternativtexten ist die Rundschau besser als der Stern. Aber die anderen schon angesprochenen Mängel finden sich auch bei FR Online. Die Schriftgröße kann im Microsoft Internet Explorer nicht verändert werden, die Überschriften der geprüften Datentabelle sind nicht ausgezeichnet. Und allerlei blinkende Banner versuchen, den Besucher vom Lesen abzuhalten.

Kleinere Verbesserungen könnten FR Online noch besser zugänglich machen. Und wenn der Webauftritt einmal etwas grundlegender angefasst wird, sollte ein Schritt in Richtung Standardkonformität gegangen werden.

Dritter Platz: Neue Zürcher Zeitung

Auf dem dritten Platz folgt dann mit 79 Punkten der Vertreter der Schweiz, die Neue Zürcher Zeitung. Nur einen halben Punkt hinter FR Online, deutlich vor den folgenden.

Barrierefreiheit ist sicher auch für die Neue Zürcher ein Thema. Über eine Untersuchung der Zugänglichkeit von Schweizer Webauftritten (externer Link) berichtet sie ausführlich, mit dem Schweizerischen Blindenverband wird zusammengearbeitet. Und ein Blick auf die Seiten zeigt, dass schon einiges getan worden ist:

  • Bedienelemente und andere informative Grafiken sind mit Alternativtexten versehen.
  • Das Tabellenlayout ist kein Hindernis.
  • Die Seiten können gut mit der Tastatur bedient werden.
  • Kontraste sind in Ordnung, Grafiken können vor wechselnden Hintergründen wahrgenommen werden.

Leider sind auch die Schwächen ganz ähnlich wie bei der Rundschau. Sie liegen im Bereich der Einhaltung von Standards. Und weil sie wichtig sind, hier noch einmal die schon bei Stern und Rundschau angesprochenen Mängel:

Auch die NZZ kümmert sich nicht um Besucher, die größere Schrift brauchen. Auch bei der NZZ sind die Überschriften der Datentabelle nicht ausgezeichnet. Auch die NZZ beeinträchtigt die Nutzung mit blinkenden Werbebotschaften.

Kleine Verbesserungen sind geplant, das ist auf jeden Fall positiv. Und ganz klar: auf längere Sicht sollte die konsequente Trennung von Inhalt und Layout ins Auge gefasst werden.

3. Nicht gut zugänglich

Im unteren Bereich der Ergebnisliste finden sich Webangebote, die nicht nur aus Sicht der anspruchsvollen BITV erhebliche Mängel aufweisen. Behinderte Besucher stoßen hier auf teilweise nicht zu überwindende Hindernisse.

Zunächst mal die bereits angesprochenen Mängel:

  • In Sachen Standardorientierung sind fast alle Webauftritte schlecht. Valide ist nichts, Stylesheets und Strukturelemente für Überschriften und Listen werden nur sehr eingeschränkt verwendet, Sprachwechsel werden nicht ausgezeichnet, dafür fast überall veraltete Elemente.
  • Fast überall basiert das Layout auf Tabellen, eine konsequente Trennung von Layout und Inhalt findet sich nur beim Stern.
  • Alternativtexte für informative Grafiken sind bei FR und NZZ in Ordnung. Bei allen anderen fehlen sie oder sie werden für Zusatzinfos zum Bild zweckentfremdet. Besucher, die mit Bildern nichts anfangen können, werden nicht oder schlecht unterstützt.
  • Auch Alternativtexte für grafische Bedienelemente sind bei 8 von 14 Webauftritten nicht vorhanden oder nicht gut formuliert.
  • Kein einziger Webauftritt unterstützt die Vergrößerung der Schriften. Ältere Besucher, die eine etwas größere Schrift bevorzugen, sind ausgeschlossen.
  • Nur ein einziges Angebot, der Webauftritt der WELT, war zum Zeitpunkt des Tests nicht mit blinkenden oder sonstigen, das Lesen behindernde, Werbebotschaften versehen.

Einige weitere, häufig nicht oder schlecht erfüllte Anforderungen:

  • Fast alle Webauftritte verwenden Schriftgrafiken. Nur Stern, FR und Standard verzichten auf diese für sehbehinderte Besucher problematischen Elemente.
  • Focus, taz, RP Online und Spiegel verwenden transparente Grafiken für wichtige Elemente. Der Hintergrund der Grafik ist durchsichtig. Das sieht gut aus, ist daher eine verbreitete Technik. Aber was passiert, wenn der Besucher eine andere, für ihn besser geeignete Hintergrundfarbe ausgewählt hat? Die grafische Schrift steht dann plötzlich auf gleichfarbigem Hintergrund, das ansprechende Menu ist verschwunden.
  • Auch ein trauriges Kapitel: der Einsatz von leeren Alt-Attributen für Layoutgrafiken. Nur Stern und FR erfüllen diese für die praktische Nutzung wichtige Anforderung ohne Einschränkung.
  • Einige Webauftritte gehen in Richtung Portal. Sie versuchen, ungeheuere Mengen von Informations- und Serviceangeboten auf der ersten Seite unterzubringen. Vielleicht gut für gestresste Manager, die für einen zweiten Mausklick keine Zeit haben. Aber schlecht für Besucher, die in Sachen Orientierung nicht (mehr) so gut drauf sind. 6 der 14 geprüften Webauftritte wurden als nicht gut geordnet bewertet.
  • Umso wichtiger wären entsprechende Hilfestellungen zur Orientierung oder alternative, leichter zu übersehende, Navigationsangebote. Sie fehlen ebenfalls bei 6 der 14 Webauftritte.

Und einige Besonderheiten einzelner Webauftritte:

  • Die Frankfurter Allgemeine empfängt nur Besucher, die mit der Maus zurecht kommen. Die Hauptseiten können noch per Tastatur geöffnet werden, darunter ist der Zugang aber versperrt, ohne Maus geht es nicht.
  • Auch für farbfehlsichtige Besucher ist die FAZ nicht gut zugänglich. Links und andere für die Bedienung wichtige Informationen werden nur über die Farbe vermittelt.
  • Drei Webauftritte können ohne Javascript nicht genutzt werden. Wieder die FAZ, teilweise auch Bild. Der Standard verweist Besucher ohne Javascript auf eine kostenpflichtige Spezialversion.
  • Und noch mal der Standard: Basis des Webauftritts ist eine komplizierte Frame-Struktur. Für sehende Besucher vielleicht nicht so schlimm, aber ohne visuellen Zugang zu den Frames ist der Standard kaum zu nutzen. Behinderten Besuchern wird angeboten, die ansonsten kostenpflichtige Version für mobile Endgeräte gratis zu nutzen - sicher keine akzeptable Lösung.
  • Die WELT und die RP können ohne die zugeordneten Stylesheets nicht vernünftig genutzt werden. Nur die Farbe der Schrift ist im Stylesheet festgelegt, Text verschwindet, wenn die Farbe des Hintergrundes nicht passt.
  • Bild aktualisiert die Anzeige der Seiten in kurzen Abständen, um neue Werbebotschaften einzublenden. So prägt sich für den blinden Besucher Text am Seitenanfang besser ein: kaum ist der erste Satz gelesen, wird die Seite neu geladen und es geht von vorne los.
  • Probleme gibt es bei Bild auch, wenn die Bildschirmauflösung nicht hoch genug ist. Teile der Navigation werden dann nicht mehr angezeigt.

Insgesamt kann man mit dem Stand der Zugänglichkeit der großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine also sicher nicht zufrieden sein. Das Internet könnte ein Weg sein für die bessere Teilhabe aller am öffentlichen Leben. Die Zeitungen nutzen es dafür noch nicht.

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Letzte Änderung: 02.09.2004   |   © 2004-2007 DIAS GmbH   |   Impressum   |   Barrierefrei